Die Feine Klinge
Viele leisten viel.
Aber sie wirken nicht danach.
Ich schreibe über Sprache, Präsenz
und die feinen Unterschiede,
die Kompetenz sichtbar machen.

Zimmerwarm
von Helge Kienel
Der Saal war bereits vorbereitet, obwohl der Vortrag erst für den Abend geplant war.
Die Stühle standen in exakten Linien. Auf den Tischen schwere Gläser. Gedämpftes Licht. Diese eigentümliche Ruhe gut organisierter Häuser, in denen ein dezent ordnender Geist wirkt.
Eine Mitarbeiterin des Hauses führte mich zum Rednerpult. Dunkle Haare. Strenger Blick.
Auch auf dem Pult stand bereits ein Glas. Keine Wasserflasche.
„Das bringen wir kurz vor Beginn“, sagte sie.
„Zimmerwarm. Für Ihre Stimme.“
Sie sagte das ohne jede Betonung. Nicht als besonderen Service. Sondern wie etwas, das man eben weiß, wenn man seine Arbeit ernst nimmt.
Genau das blieb mir später im Gedächtnis.
Nicht das Wasser.
Die Sorgfalt.
Exzellenz beginnt dort, wo andere nicht mehr hinsehen.
Der Hof
von Helge Kienel
Der Hof liegt abgelegen auf der Schwäbischen Alb. Nachts sieht man dort keine weiteren Lichter. Nur die Fenster des alten Guts stehen hell in der Dunkelheit, als hätte jemand beschlossen, der Nacht wenigstens einen kleinen Widerstand entgegenzusetzen.
Ich war einige Male dort. Meistens geschäftlich. Der Weg führte über brüchige Straßen, vorbei an Feldern, Forsten und durch schmale Täler.
Die Frau, die dort lebt, hat Jura studiert. Ihr Vater war Richter. Sie selbst hätte ebenfalls eine juristische Laufbahn einschlagen können. Sie war intelligent genug dafür. Diszipliniert genug. Präzise genug. Glücklich wäre sie dort vermutlich nicht geworden.
Der Hof gehörte seit Generationen ihrer Familie. Früher war er deutlich größer. Nach dem Krieg hatte der Großvater große Teile verkaufen müssen. Was blieb, war dieses kleine Gütlein mit Stallungen, Wirtschaftsgebäuden und einigen Weiden.
Als sie den Hof übernahm, war er in schlechtem Zustand. Trotzdem blieb sie.
Nicht aus Romantik. Nicht aus Trotz. Und auch nicht aus sentimentaler Sehnsucht nach „Landleben".
Vieles hatte sie vom Großvater gelernt. Doch sie sah sich nicht als Bäuerin.
Sie beschäftigte zwei Hofhelferinnen, plante Investitionen und traf Entscheidungen. Selbstverständlich packte sie mit an, wenn es nötig war.
Vor allem aber wirkte sie dort seltsam vollständig. Nicht entspannter als andere Menschen. Nicht sorgloser. Aber richtiger.
Viele Menschen verwechseln Glück mit Freiheit. Tatsächlich suchen sie oft etwas anderes: das Gefühl, wirksam zu sein. Nicht bloß beschäftigt. Nicht bloß funktionierend. Sie wollen spürbar Ursache des eigenen Lebens werden.
Genau das schien ihr dieser Hof zu geben. Wenn sie dort eine Entscheidung traf, hatte diese Folgen. Für Tiere. Für Menschen. Für Gebäude. Für die Zukunft des Betriebs. Nichts daran war abstrakt.
Vielleicht liegt darin ein Teil des Problems moderner Lebensläufe. Viele Menschen sind nicht unfähig in dem, was sie tun. Sie passen nur nicht wirklich hinein. Sie funktionieren erfolgreich an der falschen Stelle.
Als ich eines Nachts vom Hof wegfuhr, sah ich im Rückspiegel noch einmal die wenigen Lichter des Guts in der Dunkelheit stehen. Dahinter nur Sterne und schwarze Hügel.
Ich dachte damals: Manche Menschen finden ihr Glück nicht dort, wo alles leicht ist.


Details
von Helge Kienel
Nach meinem Vortrag für eine Kosmetikkette reichte sie mir ein Hustenbonbon.
Ich litt unter einem trockenen Hals und war auf der Suche nach etwas zu trinken.
Die Frau im weißen Kasack hielt mein Husten wohl für eine Erkältung. Sie war Ende Dreißig, hatte fein manikürte Hände mit dunkelrot lackierten Nägeln - dieselbe Farbe wie ihr Lippenstift; das zierliche Gesicht umrahmten blau-schwarze halblange Haare.
Die Bonbons lagen hübsch in einer kleinen vernickelten Dose.
Die Geste war so freundlich, dass ich das Bonbon auch ohne Erkältung nahm.
„Dankeschön.“
Sie lächelte und steckte die Bonbons in ihre kleine Handtasche aus rotem Silberbrokat.
Wir stellten uns vor und ich bot an Kaffee zu holen, denn inzwischen hatte ich das Buffet an der Schmalseite des Foyers entdeckt.
„Ohne Milch bitte.“ Offenbar hatte meine neue Bekannte nichts gegen die Fortführung des Gesprächs einzuwenden.
Wir hielten ein paar Minuten Smalltalk, ehe wir auf den Inhalt meines Vortrags zu sprechen kamen, in dem ich die Bedeutung der Persönlichkeit im Marketing betont hatte.
„Sie haben gesagt, dass Glaubwürdigkeit entsteht, wenn verschiedene Signale wie Gestik, Mimik und das gesprochene Wort in ihrer Botschaft übereinstimmen.“
Ich nickte gespannt, man merkte, sie hatte den Gedanken weitergedacht.
„Ich finde, es geht ebenso um Details: Sie geben einer Person erst Charakter.“
Wieder stimmte ich zu, als mir plötzlich etwas einfiel.
„So wie Ihre Bonbondose.“
Sie zog erstaunt die Stirn kraus und nahm die Schachtel hervor. Im Deckel war ein ovales Medaillon aus gelbem Citrin eingelassen – die Farbe passte perfekt zu Lippenstift und Nagellack.
Ich sagte es ihr.
Anerkennend und gleichzeitig ironisch verzog sie den Mund.
Ich hatte die Prüfung wohl bestanden.
„Zu viel Gleichartigkeit wirkt schnell langweilig; Charakter entsteht im Detail, das abweicht und trotzdem harmoniert.“
Ein schöner Satz!
Da wir gerade so nett plauderten blieben wir auch für den Rest des Programms beieinander, das aus zwei Vorträgen und dem Nachmittagskaffee bestand. Dabei teilten wir uns schwester- und brüderlich eine Apfeltasche, wobei ich darauf achtete, ihr den Teil mit mehr Apfel zu überlassen. Details.
Als wir uns am späten Nachmittag verabschiedeten, tauschten wir Visitenkarten. Allerdings strich sie noch geschwind mit einem silbernen Kugelschreiber ihren Nachnamen durch.
Ein charmantes Kompliment; und natürlich hatte Jenny recht: Charakter zeigt sich im Detail.
Das Erfolgskonzept
von Helge Kienel
Westlich der Alster liegt das Hamburger Viertel Rotherbaum. Dort gibt es eine kleine Weinbar, wo ich nach Seminaren gerne zur Ruhe komme. Vor ein paar Wochen saß ich gerade am Fenster, da eilte ein Mann in Smoking herein, setzte sich neben mich auf den Barhocker und bestellte einen Riesling. Er war Mitte Vierzig, hatte kurzes schwarzes Haar und ein schmales waches Gesicht.
Er sprach mit englischem Akzent und schottischem Einschlag. Wir begannen ein wenig zu plaudern und er erzählte mir, dass er im Grand Elysee auf einen Geburtstag eingeladen sei, dazu aber noch ein wenig Raumtemperatur benötige - wie er es ausdrückte. Er kam tatsächlich aus Inverness. Sein Name: Timothy.
„Vorbereitung ist das Geheimnis“, grinste er, „das hat mir meine Mutter beigebracht.“
Wir stießen an und er erzählte mir von seiner Arbeit als Banker, die ihn anscheinend nur mäßig fesselte.
Ich fragte direkt und er zuckte ironisch mit den Schultern. „Es geht mir eher um Erfolg, verstehen Sie?“
Ich schüttelte den Kopf; in diesem Moment erschien die Bedienung und Timothy zahlte.
Er ließ den letzten Schluck seines Weins nachdenklich im Glas kreisen, trank und stand dann ohne Eile auf.
„Erfolg ist etwas sehr Persönliches, das dürfen wir nicht einem Job überlassen.“
Ich stimmte ihm zu: „Es geht um unsere individuellen Ziele.“
Timothy winkte ab: „Am Ende läuft Erfolg immer auf zwei Dinge hinaus.“
Er reichte mir die Hand zur Verabschiedung, offenbar genoss er es, meine Neugier auf die Probe zu stellen.
Ich schlug ein und zog fragend die Augenbrauen hoch.
Timothy lachte: „Erfolg dreht sich immer um zwei Dinge: Zeit und Geld. Genug davon, um mit Familie und Freunden zusammen zu sein. Alles andere kann zum Teufel gehen.“
Damit verschwand er.
Ich blieb noch eine Weile sitzen und drehte seine Worte hin und her.
Und kam immer zum selben Schluss: Recht hat er.

