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Helge Kienel
Personal Branding

Das Meeting

Es begann nicht mit einem großen Konflikt. Eher mit kleinen Verschiebungen. Entscheidungen, die plötzlich anders getroffen wurden.

Rücksprachen, die ausblieben. Sätze, die im Raum standen.

„Wir haben das angepasst“, sagte ihr Chef einmal.

Nicht zu ihr. Über sie hinweg.

Sie korrigierte. Einmal. Zweimal. Dann ließ sie es.

Im nächsten Meeting saß sie am Tisch, präzise vorbereitet.

Ein Projekt wurde besprochen. Ihr Projekt.

Ihr Chef erklärte die nächsten Schritte. Anders, als sie sie festgelegt hatte. Niemand schaute zu ihr.

Ein kurzer Moment entstand, in dem sie hätte sprechen können. Sie tat es nicht.

Nicht aus Unsicherheit. Sondern, weil sie verstand, dass es längst nicht mehr um dieses Projekt ging.

Nach dem Meeting blieb sie noch kurz sitzen. Schloss ihre Mappe. Stand auf.

Am Nachmittag legte sie ihre Kündigung vor. Ohne Vorwurf. Ohne Erklärung.

Nur eine Entscheidung.

Nicht jede Grenze wird laut gesetzt. Manche wird gegangen.

 

 

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Die Rechnung kommt später.

Neben mir im Café sprechen zwei über ein Projekt.
Die Sätze sitzen. Klar, strukturiert, zustimmend.
Man ist sich einig. Immer wieder.

Es klingt gut. Fast zu gut.

Dann kommt die Rechnung.

Plötzlich entsteht eine Pause.
Kein Blick. Kein klares Signal.
Nur dieses kurze Zögern, das mehr sagt als alles davor.

In diesem Moment wird sichtbar, was vorher nicht zu sehen war:

Zustimmung ist leicht.
Klarheit ist es nicht.

 

 

 

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Wer auf Glück wartet, 
bleibt stehen. 

Wer handelt, erzeugt es.

 Vor zwei Wochen im ICE nach Nürnberg. Bordrestaurant. Croissant. Kein Kaffee. Gegenüber ein älterer Mann im grauen Anzug. Großer Coffee to go. 

Ich tat so, als würde ich nicht hinschauen. Kurz vor Bamberg verschwand er. Kam zurück. Mit einer leeren Tasse. Er goss einen Teil seines Kaffees ein. Reichte sie mir. Ein kurzes Lächeln. Wir sprachen nicht viel. 

Die Geste genügte. 

In Nürnberg stieg ich aus. Er drückte mir beim Abschied seine Karte in die Hand. 

Später im Hotel betrachtete ich sie. Unter seinem Namen, in feiner Schrift: 

Glück hat man nicht.
Man erzeugt es.

 

 

  

 

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Essayreihe: Die Feine Klinge

Details

Helge Kienel

Nach meinem Vortrag für eine Kosmetikkette reichte sie mir ein Hustenbonbon.

Ich litt unter einem trockenen Hals und war auf der Suche nach etwas zu trinken.

Die Frau im weißen Kasack hielt mein Husten wohl für eine Erkältung. Sie war Ende Dreißig, hatte fein manikürte Hände mit dunkelrot lackierten Nägeln - dieselbe Farbe wie ihr Lippenstift; das zierliche Gesicht umrahmten blau-schwarze halblange Haare. 

Die Bonbons lagen hübsch in einer kleinen vernickelten Dose.

Die Geste war so freundlich, dass ich das Bonbon auch ohne Erkältung nahm.

„Dankeschön.“

Sie lächelte und steckte die Bonbons in ihre kleine Handtasche aus rotem Silberbrokat. 

Wir stellten uns vor und ich bot an Kaffee zu holen, denn inzwischen hatte ich das Buffet an der Schmalseite des Foyers entdeckt. 

„Ohne Milch bitte.“ Offenbar hatte meine neue Bekannte nichts gegen die Fortführung des Gesprächs einzuwenden.

Wir hielten ein paar Minuten Smalltalk, ehe wir auf den Inhalt meines Vortrags zu sprechen kamen, in dem ich die Bedeutung der Persönlichkeit im Marketing betont hatte.

„Sie haben gesagt, dass Glaubwürdigkeit entsteht, wenn verschiedene Signale wie Gestik, Mimik und das gesprochene Wort in ihrer Botschaft übereinstimmen.“

Ich nickte gespannt, man merkte, sie hatte den Gedanken weitergedacht.

„Ich finde, es geht ebenso um Details: Sie geben einer Person erst Charakter.“

 Wieder stimmte ich zu, als mir plötzlich etwas einfiel.

 „So wie Ihre Bonbondose.“

Sie zog erstaunt die Stirn kraus und nahm die Schachtel hervor. Im Deckel war ein ovales Medaillon aus gelbem Citrin eingelassen – die Farbe passte perfekt zu Lippenstift und Nagellack.

Ich sagte es ihr.

Anerkennend und gleichzeitig ironisch verzog sie den Mund. 

Ich hatte die Prüfung wohl bestanden. 

„Zu viel Gleichartigkeit wirkt schnell langweilig; Charakter entsteht im Detail, das abweicht und trotzdem harmoniert.“ 

Ein schöner Satz!

Da wir gerade so nett plauderten blieben wir auch für den Rest des Programms beieinander, das aus zwei Vorträgen und dem Nachmittagskaffee bestand. Dabei teilten wir uns schwester- und brüderlich eine Apfeltasche, wobei ich darauf achtete, ihr den Teil mit mehr Apfel zu überlassen. Details.

Als wir uns am späten Nachmittag verabschiedeten, tauschten wir Visitenkarten. Allerdings strich sie noch geschwind mit einem silbernen Kugelschreiber ihren Nachnamen durch. 

 Ein charmantes Kompliment; und natürlich hatte Jenny recht: Charakter zeigt sich im Detail. 
 

 

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Essayreihe: Die Feine Klinge

Das Erfolgskonzept

Helge Kienel

Westlich der Alster liegt das Hamburger Viertel Rotherbaum. Dort gibt es eine kleine Weinbar, wo ich nach Seminaren gerne zur Ruhe komme. Vor ein paar Wochen saß ich gerade am Fenster, da eilte ein Mann in Smoking herein, setzte sich neben mich auf den Barhocker und bestellte einen Riesling. Er war Mitte Vierzig, hatte kurzes schwarzes Haar und ein schmales waches Gesicht.

Er sprach mit englischem Akzent und schottischem Einschlag. Wir begannen ein wenig zu plaudern und er erzählte mir, dass er im Grand Elysee auf einen Geburtstag eingeladen sei, dazu aber noch ein wenig Raumtemperatur benötige - wie er es ausdrückte. Er kam tatsächlich aus Inverness. Sein Name: Timothy.

„Vorbereitung ist das Geheimnis“, grinste er, „das hat mir meine Mutter beigebracht.“ 

Wir stießen an und er erzählte mir von seiner Arbeit als Banker, die ihn anscheinend nur mäßig fesselte.

Ich fragte direkt und er zuckte ironisch mit den Schultern. „Es geht mir eher um Erfolg, verstehen Sie?“

Ich schüttelte den Kopf; in diesem Moment erschien die Bedienung und Timothy zahlte.

Er ließ den letzten Schluck seines Weins nachdenklich im Glas kreisen, trank und stand dann ohne Eile auf.

„Erfolg ist etwas sehr Persönliches, das dürfen wir nicht einem Job überlassen.“

Ich stimmte ihm zu: „Es geht um unsere individuellen Ziele.“

Timothy winkte ab: „Am Ende läuft Erfolg immer auf zwei Dinge hinaus.“

Er reichte mir die Hand zur Verabschiedung, offenbar genoss er es, meine Neugier auf die Probe zu stellen.

Ich schlug ein und zog fragend die Augenbrauen hoch.

Timothy lachte: „Erfolg dreht sich immer um zwei Dinge: Zeit und Geld. Genug davon, um mit Familie und Freunden zusammen zu sein. Alles andere kann zum Teufel gehen.“

Damit verschwand er.

Ich blieb noch eine Weile sitzen und drehte seine Worte hin und her.

Und kam immer zum selben Schluss: Recht hat er. 

 

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